Teilnehmer einer Demonstration, Verschwörungstheoretiker, Mann mit Alukopfbedeckung (Foto: picture alliance/Eibner/Dimitri Drofitsch)

Wie man mit Verschwörungstheoretikern umgeht

Marie Kotzian   12.05.2020 | 18:11 Uhr

Rund um die Corona-Krise kursieren die wildesten Verschwörungstheorien. Wie man am besten mit Verschwörungstheoretikern diskutiert und ob das überhaupt sinnvoll ist, erklärt Sozial- und Rechtspsychologe Prof. Roland Imhoff von der Gutenberg-Universität Mainz.

"Das Coronavirus ist eine Biowaffe und stammt aus einem Labor" oder "Bill Gates will die Menschheit zwangsimpfen und überwachen": Das sind gängige Verschwörungstheorien in der aktuellen Coronakrise. In sozialen Netzwerken und im Internet findet man durchaus Anhänger solcher Theorien.

Roland Imhoff ist Sozial- und Rechtspsychologe an der Gutenberg-Universität Mainz und forscht unter anderem zu Verschwörungsmentalität. Seiner Meinung nach sind Verschwörungstheorien vor allem dann gefährlich, wenn sie unwidersprochen bleiben. Dadurch würde die Wirklichkeit verzerrt.

Er spricht von Verschwörungstheorien, wenn "Menschen glauben, dass ein Ereignis durch eine Verschwörung im Geheimen zustande gekommen ist". Die meisten Verschwörungstheorien stimmen nicht, aber manche schon. Verschwörungstheoretiker könnten mit ihrer Annahme also durchaus Recht haben, sagt Imhoff.

"Was könnte denn gegen meine Theorie sprechen?"

"Verschwörungstheoretiker haben entweder ein verstärktes Bedürfnis danach, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen oder ein besonders hohes Bedürfnis, einzigartig zu sein" - so beschreibt Imhoff Verschwörungstheoretiker.

In der Diskussion mit ihnen gehe es also nicht darum, sie zu überzeugen, dass sie einer Verschwörungstheorie glauben, sondern herauszufinden, ob die Theorie gerechtfertigt und plausibel ist oder nicht. Deshalb rät er dazu, auf einer Metaebene zu reden. "Beide Seiten sollten sich fragen: Was könnte denn gegen meine Theorie sprechen?"

Selbstkritisch hinterfragen

"Viele Menschen tun sich schwer damit, ihre eigenen Überzeugungen auf Genauigkeit zu überprüfen." Sich selbstkritisch zu hinterfragen, ist aber er laut Imhoff gerade in der Diskussion mit Verschwörungstheoretikern wichtig. "Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, fällt das meistens schwerer, weil in einem verschwörungstheoretischen Weltbild nicht nur die eigenen Überzeugungen für wahr gehalten werden, sondern auch jeder Versuch, einen vom Gegenteil zu überzeugen, als Teil der Verschwörung wahrgenommen wird."

"Fakten sind ein stumpfes Schwert"

Die Forschung zeigt, dass es einfacher ist mit Menschen zu diskutieren, die noch nicht vollends von Verschwörungstheorien überzeugt sind, erklärt Imhoff: "Mit Fakten kommt man nicht weiter, weil es wenige Möglichkeiten gibt, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen." Es geht laut Imhoff darum, wer welcher Quelle glaubt und vertraut. Wenn das bei beiden Gesprächsteilnehmern verschiedene Quellen sind, werden sie sich niemals einigen.

Intention ernst nehmen

Grundsätzlich gelte in der Diskussion mit Verschwörungstheoretikern: "Es bringt wenig, sich darüber lustig zu machen." Laut Imhoff sollte man "die Sorgen der Menschen ernst nehmen, ohne ihren Theorien zuzustimmen". Nur dann könne ein Austausch gelingen. Hinter Verschwörungstheorien stecken auch immer bestimmte Motivationen, Nöte, Sorgen oder Bedürfnisse, so Imhoff. "Wenn die Intention hinter der Verschwörungstheorie anderweitig befriedigt wird, dann braucht es vielleicht keine Verschwörungstheorie mehr."

Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken

Besonders in sozialen Netzwerken verbreiten sich Verschwörungstheorien schnell. Das liege zum Teil daran, "dass sie demokratischer sind, im guten und im nicht so guten Sinne." Jeder könne sich äußern und seine Meinung sagen, so auch Verschwörungstheoretiker. Beim Umgang mit Verschwörungstheorien in den sozialen Netzwerken geht es laut Imhoff vor allem um den Inhalt. Bei potenziellen Falschmeldungen im Internet, vor allem in der aktuellen Krise, rät er dazu, Beiträge zu melden.

Auch Widerspruch hält er für sinnvoll: "In einem offenen Diskurs, wie er in den sozialen Medien stattfindet, sollte man bestimmte Dinge nicht unwidersprochen lassen", sonst entstehe ein verzerrtes Bild von Öffentlichkeit. 

Langwierige Diskussionen dagegen seien oft wenig sinnvoll, weil sie nur geringe Erfolgsaussichten hätten: Da könne man sich fragen, "wie wertvoll einem die eigene Lebenszeit ist."

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